Familien in der Pandemie: Psyche im Dauerstress

Zum Welttag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober möchten wir unseren Blick auf die Familien in der Pandemie richten. Denn sie mussten über eine lange Zeit echte Alltagsarbeit leisten. Im Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor der LWL-Klinik Herten, Dr. Luc Turmes, erfahren wir, dass kontinuierliche Belastungen und Überforderung nicht nur Folgen für den Einzelnen haben, sondern für das gesamte Familiensystem.

Herr Dr. Turmes, was ist in den Familien los?

Nun, es geht nicht nur darum, in der Pandemie Beruf und Familie unter 2G-, 3G-, AHA-L-Bedingungen und mit vielen anderen Pflichten unter einen Hut zu kriegen. Plötzlich müssen viele Menschen die Erfahrung machen, dass die Allernächsten wegbrechen, weil sie mit der Einsamkeit, den Ängsten und dem Verlust von Gewohnheiten nicht mehr zurechtkommen. Essstörungen bei jungen Menschen, Angst- und Zwangsstörungen und Depressionen sind auf einmal Familien-Thema.

 

Hat Corona die Seele krank gemacht?

Ich erkläre es mal am Beispiel der Depression. Corona hat bei den Betroffenen die Depression vielfach erst zutage gefördert. Möglicherweise waren sie vorher schon eher ängstlich, zurückhaltend und Neuem nicht sehr aufgeschlossen. Mit Corona kam auf einmal die Angst vor Ansteckung oder schweren Krankheitsverläufen hinzu und die Sorge, Angehörige zu gefährden. Außerdem machten Isolation, Arbeitsplatzverlust oder extreme Zukunftsängste vielen Menschen sehr zu schaffen. Das heißt: Die Pandemie hat nicht nur bei langjährig depressiv Erkrankten die Symptome verstärkt. Die Zahl der Menschen, die in der Corona-Krise eine Depression erst entwickelt haben, hat folglich auch zugenommen.

Interessanterweise aber zeigen erste Untersuchungen, dass vor allem Suchterkrankungen in der Pandemie zugenommen haben. An zweiter Stelle erst stehen die Affektiven Erkrankungen, wozu die Depressionen gehören.

 

Warum ist Corona für einige Menschen belastender als für andere?

Einem seelisch gesunden Menschen mit stabilen und gut funktionierenden sozialen Beziehungen und Alltagsstrukturen fällt es schon nicht leicht, mit den gravierenden Maßnahmen klar zu kommen. Er kann sich aber damit arrangieren und hat Ressourcen, diese Zeit gut zu überstehen. Aber einem psychisch angeschlagenen Menschen ohne Alltagsstrukturen und Bindungen kann die Corona-Krise zum Verzweifeln bringen. Sie empfinden die Krise viel massiver, viel bedrohlicher und leiden sehr.

 

Warum müssen wir speziell auf die Familien schauen?

Kinder und Jugendliche haben erlebt, dass ein Elternteil krank wurde. Eltern stellen auf einmal fest, dass ihre Kinder psychische Auffälligkeiten zeigen. Für ein Familiensystem stellen psychische Krisen und Erkrankungen eine große Belastung dar. Kinder psychisch kranker Eltern sind zum einen dem hohen Risiko ausgesetzt, selbst psychisch zu erkranken. Zum anderen benötigen Erwachsene wie junge Menschen Hilfe, um gut durch die Pandemie zu kommen. Fest steht schon jetzt, dass nach eineinhalb Jahren Corona die Inanspruchnahme von psychotherapeutischen Leistungen weiter zunehmen wird.

 

Was ist zu tun?

Wir müssen nach wie vor viel über den Umgang mit psychischen Erkrankungen reden. Mittlerweile öffnen sich viele Prominente und unterstützen sehr engagiert die Antistigma-Arbeit. Betroffene dürfen keine Angst haben, über ihre Erkrankung zu sprechen und sich Unterstützung zu holen. Je früher Hilfe einsetzt, umso schneller und wirkungsvoller können Maßnahmen greifen.